Lehramtsstudium: Meine Erwartung vs. Realität
Im September 2019 habe ich mein Gymnasiallehramtsstudium an der Uni Augsburg begonnen. Meine Studienfächer waren Englisch und Deutsch und obwohl ich mich am Tag der offenen Tür und auch durch ein Gespräch mit der Studienberatung auf die Zeit auf dem Campus vorbereitet gefühlt habe, habe ich schnell gemerkt, dass die Realität an der Uni stark von meinen Erwartungen abweicht. Hier sind vier Dinge, die für mich völlig anders gekommen sind als geplant:
Nr. 1 – Für Professoren ist man nur eine Matrikelnummer
Als ich mein Studium an der Uni Augsburg begonnen habe, hatte ich die Erwartung, dass die Professoren – anders als meine Lehrer – sich nicht speziell für mich als einzelnen Studenten interessieren. Sätze wie „An der Uni geht das nicht mehr“ hört man häufig von seinen Oberstufenlehrern, die davor warnen, dass man an der Uni komplett auf sich selbst gestellt ist und nicht mehr mit einer persönlichen Betreuung durch die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter rechnen darf. Auch wenn sich dies in wenigen Fällen für mich bewahrheitet hat, muss ich sagen, dass der Großteil meiner Professoren genau diesem Klischee nicht entsprochen hat: Meine Lehrpersonen waren freundlich, offen und immer hilfsbereit.
In kleinen Seminaren haben sie nach wenigen Wochen meinen Namen gekannt und mir individuelle Fragen zu meiner Meinung im jeweiligen Fachbereich gestellt. Diese Art der Betreuung hat meine Zeit an der Uni Augsburg stark bereichert und auch heute noch tausche ich mich mit einigen meiner Professoren über fachliche, aber auch persönliche Themen aus. Wichtig hierbei: Ist man als Student anwesend, höflich und zuverlässig, sind die Professoren offen für individuelle Lösungen und hilfsbereit bei Problemen. Jammert man unbegründet über die Schwierigkeitsstufe eines Kurses, bei dem man mehr als die Hälfte aller Sitzungen verpasst hat, sind die Lehrpersonen wenig geneigt, weiterzuhelfen. In meinen Augen völlig verständlich und für mich war der Austausch mit allen Lehrpersonen an der Uni eine Bereicherung.
Nr. 2 – Die Uni ist eine Zeit, in der man Freundschaften knüpft und viel erlebt
Achtung, Trigger-Warnung: Ja, hier geht es um die Corona-Pandemie! Aus Filmen und durch Bekannte bekommt man die Erwartung, dass die Uni neben der akademischen Herausforderung auch ein Ort ist, an dem Freundschaften geschlossen werden und auch die ein oder andere Partynacht stattfindet. Leider hat nach meinem ersten Semester an der Uni die Corona-Pandemie dazu geführt, dass ich sechs Semester am digitalen Campus studieren durfte oder musste. Die Türen zum Unigebäude waren verschlossen und alle Veranstaltungen haben digital stattgefunden.
Während das auf der einen Seite dazu geführt hat, dass ich leider nur wenige Kommilitonen in dieser Zeit persönlich kennengelernt habe, muss ich sagen, dass die Uni Augsburg in meinen Augen die Umstellung auf die Online-Lehre gut umgesetzt hat und es mir damit ermöglicht hat, mein Studium in Regelstudienzeit zu absolvieren. Trotzdem ist wohl die Tatsache, dass ich kein „typisches Studentenleben“ am Campus hatte, eine Sache, die ich auch nachhaltig schade finden werde.
Nr. 3 – Mal kurz das Latinum nachholen
Die Anforderungen an Studierende sind derzeit vor allem in Studiengängen, die in irgendeiner Weise vom Freistaat Bayern mitgestaltet werden, immer noch sehr hoch. Für mich war eine besondere Herausforderung das Nachholen des Latinums. Wieso brauche ich für Deutsch und Englisch ein Latinum? Na ja, es ist halt nun mal so vorgegeben.
Für das Lehramt an Grund-, Mittel- und Realschulen ist eine Fremdsprache, die nicht Englisch ist, ausreichend, um die Anforderungen an das Studium durch das Kultusministerium zu erfüllen. Im Falle des Gymnasiallehramts ist das aber nicht der Fall. Möchte man eine Sprache unterrichten, wird eine Fremdsprache, die nicht Englisch ist, erfordert – ich hatte Französisch – und außerdem Latein.
Da ich kein Latinum mit ins Studium gebracht habe, musste ich das Latinum selbstständig nachholen. Die Uni hat dazu einen Kurs, der sich über drei Semester gezogen hat, mit einer anschließenden Prüfung angeboten. Auch wenn mir das Erlernen von Sprachen Spaß macht und ich Latein sehr interessant fand – auch dank eines wirklich tollen und sehr geduldigen Professors –, war die Prüfung eine große Herausforderung, da man dafür keine Leistungspunkte erhält.
Im Klartext: Neben allen anderen Kursen und Leistungen für das Studium muss man parallel Latein belegen und erhält dafür ein Zertifikat. Der Besuch der Veranstaltungen sowie der Zeit- und Lernaufwand wurden jedoch nicht durch das Erhalten von Punkten belohnt. Man muss dafür weniger andere Seminare belegen. Es war quasi ein Zusatz. Nach 1,5 Jahren konnte ich mein Latinum erfolgreich erlangen und mir zumindest einige Punkte im sogenannten „freien Bereich“ anrechnen lassen. Trotzdem verstehe ich, dass viele Studis sich nur aufgrund dieser Anforderung für Realschul- statt Gymnasiallehramt entscheiden.
Nr. 4 – Das Lehramtsstudium bereitet dich auf die Lehrpraxis vor (nicht)
Meine letzte Erwartung war, dass ich im Studium relevanten Stoff und Lehrmethoden vermittelt bekomme. Wer jetzt jedoch einen Hands-on-Approach von der Uni erwartet, täuscht sich. In Lehramtsstudiengängen, vor allem ab der Sekundarstufe, also an Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien, belegt man seine Schulfächer ähnlich wie die Hauptfächer eines Bachelorstudiengangs.
Das bedeutet, dass man tiefe sprachwissenschaftliche Grundlagen erhält und etwas über die Geschichte der Didaktik erfährt. Es bedeutet aber nicht, dass man dieses Wissen so im Klassenzimmer braucht. Wer Lehramt studiert, dem sollte klar sein, dass man eine gewisse Begeisterung für sein Fach braucht, um durch die Uni zu kommen. Das Unterrichten in der Praxis wird eher im Referendariat vermittelt.
Die Praktika, die für den Studiengang vorgeschrieben werden, geben kurze Einblicke und wenn man sich im Praktikum schon traut, Unterrichtsstunden zu halten, hat man einen deutlichen Vorteil, was das Wissen um den Arbeitsalltag angeht. Die Uni bietet hier eher den fachwissenschaftlichen Rahmen. Ob das sinnvoll ist oder nicht, ist Gegenstand so mancher Diskussion.
Die Tatsache, dass das Studium in Bayern so organisiert ist, bleibt und daher sollte man sich im Klaren sein, dass man altenglische Texte übersetzen muss und die Geschichte von Bildungsinstitutionen auswendig lernt, bevor man an der Tafel beweisen darf, was man kann. Da ich mich für Deutsch und Englisch begeistere, war die Uni für mich eine tolle Zeit und ich fand mein Studium mehr als interessant. Durch Praktika, Nebenjobs und Anstellungen an Schulen konnte ich die „fehlende Praxis“ gut ausgleichen, was ich nur jedem Lehramtsanwärter empfehlen kann.
Insgesamt muss ich sagen, dass ich nicht erst einmal den Austausch mit einem meiner Professoren und die Offenheit an der Uni vermisst habe. Mein Studium hat mich persönlich wie auch fachlich stark verändert und dank Kommilitonen und Professoren war die Zeit für mich unvergesslich. Trotzdem war vieles nicht so, wie ich es mir als Ersti (Erstsemester) vorgestellt habe – und das ist vielleicht auch gut so.